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Berlinale 2018
Kosslicks Finale

Richtige Juryentscheidungen machen den schwachen Wettbewerb der 69. Berlinale nicht besser - aber sie versüßen Dieter Kosslicks Abschied nach 18 Jahren Berlinale.

Fi_SynonymesErwartet hatte man ein Feuerwerk, ein letztes grosses Ausrufezeichen der Ära Kosslick. Und es fing vielversprechend an. 41% Frauenanteil bei den gezeigten Filmen, von so etwas konnte man in der Festivallandschaft bislang nur träumen, dann unterzeichnete Kosslick die Selbstverpflichtung „5050x2020“ zum Einsatz für Gendergerechtigkeit auf dem Festival und im Markt. Prima, dachte man sich, das lässt sich gut an. Und dann verstreicht Tag eins, Tag zwei und da ist es, das große Warten  auf  besondere Sujets, cineastische Perlen oder grandiosem, schrägen Arthouse, für das die Berlinale bekannt ist.
Am ehesten stellte sich dieses Gefühl ein bei der Premiere der schwarzen Satire aus Mazedonien GOD EXISTS, HER NAME IS PETRUNIJA. Es ist der Siegeszug der 31jährigen dicken und arbeitslosen Petrunja (Zorica Nusheva), die einem Impuls folgend am Dreikönigstag in den Fluss springt, um das heilige Kreuz heraus zufischen, das der orthodoxe Priester traditionell dort hinein wirft. Blöd nur, dass das in Mazedonien eine reine Männerangelegenheit ist. Doch Petrunja ist die Schnellste und grinst mit der Trophäe in der Hand in die laufenden TV-Kameras. Was dann passiert, kann man getrost als Massenhysterie bezeichnen. Wie Regisseurin Teona Strugar Mitevska es schafft, die Antiheldin zur sympathischen Frau zu machen, die Gott in sich selbst entdeckt, das ist grosses europäisches Kino. Dafür gab es den Preis der ökumenischen Jury und den Gilde-Preis. Doch der Internationalen Jury reichte das nicht, es waren die großen Themen Identitätssuche, Trauerbewältigung und sexueller Missbrauch in der Kirche, die den wichtigsten Bären-Kategorien vorbehalten waren.
Folgerichtig wurde SYNONYMES von Nadav Lapid mit dem Goldenen Bären ausgezeichnet. Damit geht zum ersten Mal ein Goldener Bär nach Israel. Der junge Israeli Yoav (Tom Mercier, eine tolle Neuentdeckung) flüchtet aus der ihn erstickenden israelischen Gesellschaft in das kultivierte Paris und versucht mit aller Macht, Franzose zu werden. Doch Yoav scheitert an den versteckten Codes und ungeschriebenen Gesetzen der französischen Gesellschaft, die keinesfalls so offen ist, wie er dachte. Am Ende bleibt ein Zustand zwischen zwei Identitäten, die beide nicht wirklich taugen - Willkommen im Niemandsland.
Der Silberne Bär für den Großen Preis der Jury ging an François Ozon für seine Abrechnung mit den Missbrauchsskandalen der französischen Kirche GRÂCE A DIEU. Was den Film so brisant macht, ist seine Aktualität. In Paris steht seit Anfang 2019 der Erzbischof von Lyon, Philippe Barbarin, vor Gericht. Er soll sexuelle Übergriffe des Priesters Bernard Preynat vertuscht haben. Ozons Film erzählt diese Geschichte aus der Sicht der Opfer Preynats, wobei er deren Identität verfremdet hat - den Rest der Tatsachen aber sprichwörtlich beim Namen nennt. Vergeblich hat Preynats Anwalt versucht, den Kinostart am 20.2. in Frankreich zu verhindern. Politisch ging es weiter bei der Bären-Vergabe mit dem Silbernen Bären für das Beste Drehbuch, an das Autorentrio Roberto Saviano („Gomorrha“) Maurizio Braucci und Claudio Giovannesi für ihr Drehbuch zu Claudio Giovannesis LA PARANZA DEI BAMBINI. Es ist eine Geschichte über die Sehnsucht nach Anerkennung und Geld perspektivloser Jugendlicher in Neapel. Ihre einzige Chance sehen die jungen Männer darin, den alten Clan-Mitgliedern in deren kriminellen Karrieren nachzueifern. Mit fatalen Folgen, natürlich.
Zwei andere Bären-Preise sind es, die Dieter Kosslick besonders gefreut haben müssen, ihm der ja angetreten war, den deutschen Film zu pushen: Die an zwei deutsche Regisseurinnen. Zunächst der Silberne Bär für einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet (Alfred-Bauer-Preis), der an Nora Fingscheidt für SYSTEMSPRENGER ging. Der Film handelt von einem gewalttätigen Mädchen, das durch sämtliche Raster der sozio-pädagogischen Strukturen der deutschen Gesellschaft fällt. Ein grossartiges Drehbuch wurde hier gekonnt umgesetzt. Der zweite deutsche Film ICH WAR ZU HAUSE, ABER… thematisiert Trauer und Verlust im Mikrokosmos der Kleinfamilie von einer, die kunstvoll zu inszenieren versteht: Regisseurin Angela Schanelec. Dafür gab es den Silbernen Bären für die Beste Regie - eine in der Presse umstrittene Preisgebung. Eine breite Mehrheit bekam hingegen der Silberne Bär für eine herausragende künstlerische Leistung an Rasmus Videbæk für die Kamera in UT OG STJÆLEl HESTER von Hans Petter Moland. Die elegischen Naturaufnahmen des norwegischen Spielfilms bleiben einem noch lange im Kopf, die Geschichte mit einem stoischen Stellan Skarsgård in der Hauptrolle, handelt vom Wert der Erinnerungen. Die Silbernen Bären für die beste bzw. den besten Schauspieler/in gingen an die Protagonisten Yong Mei und Wang Jingchun in DI JIU TIAN CHANG des Chinesen Wang Xiaoshuai. Ein wunderbarer, epischer Film, der mit Sicherheit zu den besten des Wettbewerbs gehörte. Ein Paar verliert auf tragische Weise sein einziges Kind und versucht mit den Konsequenzen der Ein-Kind-Politik Chinas zu leben. Ein zartes, eindrucksvolles Meisterwerk voller kleiner, überraschender Wendepunkte. Davon hätte man sich im diesjährigen Wettbewerb mehr gewünscht.

Elena Diesbach

 

Berlinale 2018
Mutige und provokative Filme

Unerwartete Juryentscheidungen gesellen sich zu #metoo-Debatten und Kosslick Nachfolge-Spekulationen.

19  Filme waren diesmal im Wettbewerb um die Berlinale-Bären im Rennen. Die sechs-köpfige internationale Jury mit Tom Tykwer als Jury-Präsidenten vergab ihre Preise am Ende allesamt an mutige und provokative Filme und keiner der Sieger/innen war bei der Presse als Favorit gehandelt worden. Es würde Entscheidungen geben, die nicht so sehr ausdrückten, wie es um das Kino steht, sondern „wo’s vielleicht noch hingehen könnte“, hatte Tom Tykwer zu Beginn der Zeremonie angedeutet und dass die Jury sich etwas vorgenommen hatte.

Fi-touch-me-not-Der Goldene Bär geht an die rumänische Regisseurin Adina Pintilie für ihren inszenierten Experimental-Erstlingsfilm TOUCH ME NOT. Darin geht es um eine Frau, die Angst hat vor Berührungen und zum Voyeur wird. Aber nicht etwa bei den Normalos, nein es sind Menschen mit unterschiedlicher körperlicher und seelischer Beeinträchtigung, die hier nach ihrem Sexualleben gefragt werden, was immer wieder auch zu einer Grenzerfahrung für den Zuschauer wird. Völlig zu Recht erhielt der Film den hoch dotierten GWFF-Preis für den Besten Erstlingsfilm. Doch hätte die Jury wohl ohne die vor- und während des Festivals starke Begleitung der #metoo-Debatte den Film auch zum Siegerfilm des Wettbewerbs gekürt? Es geht bei Pintilie wirklich um das Gegenteil von Macht-und Sexmissbrauch. TWARZ der Polin Magorzata Szumowska wurde mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet: Eine bildstarke schwarze Komödie über einen jungen Mann, der nach einer Gesichtstransplantation von der polnischen Dorfgemeinschaft abgelehnt wird. Es geht um Identität und Integration. „Dieser Film ist heute so wichtig, denn er zeigt nicht nur die Probleme in meinem Land, sondern in der ganzen Welt“, erklärte die Regisseurin. Diesen wichtigen Preis einer Regisseurin zu geben, war auch das ein Statement in Hinblick auf die  #metoo-Debatte?
Es kamen noch mehr Preise für Frauen dazu: Als Beste Darstellerin wurde die 68-jährige paraguayische Schauspielerin Ana Brun geehrt. Sie spielt die Hauptrolle in Marcelo Martinessis LAS HEREDERAS. Sowohl für Brun als auch für Regisseur Martinessi ist es das Spielfilmdebüt. Eindringlich-zurückhaltend verkörpert Brun hier eine Frau, deren Leben sich verändert, als ihre Lebensgefährtin ins Gefängnis muss. Der Film wurde außerdem mit dem Silbernen Bären des Alfred-Bauer-Preises für neue Perspektiven in der Filmkunst ausgezeichnet.

Fi-DovlatovIm russischen Film DOVLATOV von Alexej German Jr., geht es um den in der Breschnew-Ära verbotenen Schriftsteller Sergei Dovlatov (1941 - 1990). Die Botschaft des Films, der eine Woche im Leben Dovlatovs zeigt, kann schon als Protest gegen die Unterdrückung kritischen Denkens interpretiert werden. Elena Okopnaya, die Frau des Regisseurs, war für das Produktionsdesign und die Kostüme verantwortlich. Dafür erhielt sie sehr verdient den Silbernen Bären für eine herausragende künstlerische Leistung. Zusammenfassend waren die Berlinale-Preisträger noch nie so weiblich wie dieses Jahr. Mindestens strittig war die Entscheidung der Jury Wes Anderson mit seinem Stop-Motion-Film ISLE OF DOG für die Beste Regie auszuzeichnen. So ungewöhnlich, kunstvoll und irre aufwendig in der Mache der Film auch ist - definitiv viel, viel mehr als eine nette Hundegeschichte - bleibt er doch ein animierter Puppenfilm mit den Stimmen prominenter Schauspieler/innen, unter ihnen Berlinale-Dauergast Bill Murray, der für den abgereisten Anderson den Preis entgegennahm: “I am a Berliner Dog.“ Die Überraschungen gingen weiter mit dem Silbernen Bären für das Beste Drehbuch an Manuel Alcalá und Alonso Ruizpalacios für den mexikanischen Film MUSEO. Darin rauben Gael García Bernal und sein unfähiger Kumpel (Leonardo Ortizgris) das Nationalmuseum für Anthropologie in Mexiko-City aus - erzählt nach einer wahren Geschichte. Leider ist gerade dieser Preis eine absolute Enttäuschung, denn die Geschichte ist im besten Fall ein Mix aus thriller und road-movie und in einem twist sogar unglaubwürdig geraten.

Fi-TransitIn Cédric Kahns LA PRIÈRE spielt der französische Nachwuchsstar Anthony Bajon den jungen Drogenabhängigen Thomas, der in der Abgeschiedenheit der Berge in einem katholischen Orden neue Lebensperspektiven sucht. Eine eindrucksvolle, starke Performance, die meiner Meinung nach zu Recht mit dem Silbernen Bären für den Besten Schauspieler prämiert wurde. Doch man hätte sich bei vier deutschen Beiträgen im Wettbewerb wenigstens einen Preis für einen deutschen Film oder Darsteller/in gewünscht - mehr als verdient hätte den z.B. Franz Rogowski, europäischer Shootingstar, hochgehandelt, für die Hauptrolle in TRANSIT von Christian Petzold (nebenbei einer der bislang stärksten Filme des Regisseurs, der auch leer ausging). Oder aber Marie Bäumer für ihre außergewöhnlich starke Leistung als Romy Schneider ein Jahr vor ihrem Tod in Emily Atefs Drama DREI TAGE IN QUIBERON: Fragil, ungeschminkt, stark.

Es war ein starkes Zeichen, das die Jury dieses Jahr gesetzt hat: Für ein Kino jenseits des Mainstream, für gebrochene Figuren und experimentelle Geschichten, für mehr Provokation und unbequeme Fragestellungen. Zeichnet sich hier schon die Zukunft der Berlinale ab? Als politisches Festival galt sie über die letzten Jahrzehnte, geht es jetzt auf zu neuen, noch unbequemen Ufern? Die oft unfaire Diskussion um Festivallleiter Dieter Kosslick, über dessen Nachfolge diesen Frühsommer entschieden wird, hat viele Fragen aufgeworfen. Die nach der künftigen Ausrichtung des Wettbewerbs ist die wichtigste.

Elena Diesbach


Berlinale 2017
Desillusionierte Filmwelt

Ratlosigkeit, Pessimismus und das Ringen um politische Haltung bestimmten die diesjährige Berlinale.

Die 67. Berlinale bescherte einem vor allem eins: eine halbe Depression. Es waren die emotionalen Welten in den Geschichten, ja, die Protagonisten selbst, die das auslösten: Leere und Sinnlosigkeit, Isolation und menschliche Verrohung, fehlender Glaube an das Gute im Menschen bzw. überhaupt an irgendetwas Positives, erst recht an Gesellschaft oder Politik. Dieter Kosslick, der immerzu verschmitzt lächelnde Festivaldirektor, hatte es in seinem Vorwort vorweg genommen: „Ratlosigkeit als Folge des offensichtlichen Scheiterns der großen Utopien und der Entzauberung der globalisierten Welt.“ Die Filme des Wettbewerbs vermittelten weder eine positive Vision noch bestachen sie durch ihre Heiterkeit, Selbstironie oder aber ihrem vibrierenden Leben. Die Welt: Ein Ort der Überforderung? Inspiration, künstlerische Extravaganz oder faszinierende, neue filmische Ansätze suchte man jedoch auch vergebens - oder vielleicht ein überraschendes Ende. Inzwischen leben wir jedoch filmisch in einer Zeit, in der sogar das Filmende in der Regel offen bleibt oder die Haltung der Regisseurin/ des Regisseurs.


Fi_ColoIn COLO (Teresa Villaverde) wird das ganze Elend der portugiesischen Wirtschaftskrise deutlich. Es gibt sie noch, die Familie, sie hält auch noch irgendwie zusammen, aber längst hat die alles bestimmende Armut, bedingt durch die Arbeitslosigkeit des Vaters, ihren Tribut gefordert. Die Familie hat jede Freude und Leichtigkeit verloren. Der Vater ist voller Selbstzweifel und Ängste, sobald seine arbeitende Frau etwas später nach Hause kommt, bekommt er Panikattacken. Die einzige Tochter fühlt sich von der Welt, ja, sich selbst emotional abgeschnitten, da hilft auch das Ritzen des eigenen Bauches nichts. Man hätte sich der Geschichte mehr Wut und Energie gewünscht, doch die resignative Ruhe und Apathie der Protagonisten sowie eine leider wenig hergebende Geschichte, sind am Ende nur bedrückend. Sieht so das neue politische europäische Kino aus? Oder nehmen wir HELLE NÄCHTE (Thomas Arslan), ein schlechtes Beispiel der Berliner Schule, der der Regisseur bekanntlich angehört. Der aus Österreich stammende, in Berlin lebende Michael, ein desillusionierter End-Vierziger, hat schon seit Jahren ein Nicht-Verhältnis zu seinem Sohn Luis, der bei Michaels Ex-Frau lebt. Nach dem Tod von Michaels Vater reisen beide zur Beerdigung nach Norwegen. Ein langatmiger Film über den vergeblichen Versuch Michaels, eine neue Beziehung zu seinem Sohn aufzubauen. Dass es am Ende einen Silbernen Bären für den Film gab, lag an der (wieder einmal) grandiosen Leistung von Georg Friedrich, der den wütend-reuigen Michael auf der Suche nach Vergebung und Neubeginn gewohnt facettenreich spielt - zurecht wurde er dafür als Bester Schauspieler ausgezeichnet.

F_-On-the-beachSein weibliches Pendant ist die Koreanerin Kim Minze, die für ihre Leistung in Hong Sangsoos Drama ON THE BEACH AT NIGHT ALONE als Beste Schauspielerin prämiert wurde. Sie spielt die erfolgreiche Schauspielerin Younghee als innerlich ausgebrannte, mit sich selbst hadernde junge Frau, die nach einer missglückten Affäre in Hamburg neue Inspiration sucht, nach Korea zurückkehrt, um den Geliebten zur Rede zu stellen, innere Ruhe jedoch erst am Meer finden kann. Zurecht ging der Große Preis der Jury an Alain Gomis für FELICITE, ein feines, kongolesisches Drama über eine starke Barsängerin, die ihre Kraft aus der Musik schöpft. Leider verliert sich der Film in der zweiten Hälfte. Unverständnis löste die Wahl Agnieszka Hollands (SPOOR) für den Alfred-Bauer-Preis aus, der einen Spielfilm, der neue Perspektiven eröffnet, auszeichnet. SPOOR ist aber nur ein sehr in die Länge gezogener, feministisch angehauchter polnischer Rachethriller über eine Tierliebhaberin, neue Perspektiven suchte man hier vergeblich.

Es waren schließlich zwei Filme, die im Wettbewerb herausragten. Zum einen die hinreißende Liebesgeschichte ON BODY AND SOUL der ungarischen Regisseurin Ildikó Enyedi, die in einem Schlachthaus in Budapest spielt. Ein Film, der Mut macht zur Liebe. Ein Film, der Hoffnung zuliess. Zwei einsame, in sich zurück gezogene Menschen finden zueinander, begleitet von poetischen Träumen in einer wunderschönen Naturlandschaft, die auf eine Seelenverwandtschaft hindeutet. Nach 42 Jahren geht der Goldene Bär für den Besten Film damit erstmals wieder nach Ungarn und das in den Händen einer Regisseurin. Der zweite bemerkenswerte Film ist DIE ANDERE SEITE DER HOFFNUNG des Finnen Aki Kaurismäki, bei dem der Regiemeister etwas ganz Wesentliches schafft: Er zeigt Haltung in einer Zeit der Alles-ist-relativ und alternative-facts-Debatten. Die melancholische Komödie schildert eindrücklich und bewegend das Schicksal des syrischen Flüchtlings Khaled, der nach einer Odyssee um die halbe Welt in Helsinki strandet. Es geht aber auch um den Neubeginn von Wikström, der sein altes Leben hinschmeisst, um ein Restaurant in Helsinki zu eröffnen und Khaled nach anfänglichem Misstrauen dabei die Chance auf ein neues Leben gibt. Kaurismäkis feine Mischung aus Poesie, Humor und Philosophie funktioniert wunderbar: „Wir müssen begreifen: Wir sind alle Menschen. Jetzt sind andere auf der Flucht, morgen können wir Flüchtlinge sein.” Den Silbernen Bären für die beste Regie hatte sich Kaurismäki damit mehr als verdient. Die Welt: Sie kann und sollte besser sein als sie ist. Vor allem zur Zeit.

Elena Diesbach

 
Berlinale 2013
Filme aus Osteuropa beeindrucken

19 Filme konkurrierten um den Goldenen Bären der diesjährigen 63. Berlinale, doch weil sich keiner so richtig aufdrängte, war die Entscheidung der Jury für den rumänischen Beitrag „Child’s Pose“ von Calin Peter Netzer am Ende zwar eine Überraschung, doch keine, die einen echten Diskurs auslöste.

childs-poseZum ersten Mal in der Geschichte der Berlinale geht der Goldene Bär nach Rumänien – eine kleine Sensation. Doch es ist berechtigt, dass der Goldene Bär nach Osteuropa geht, denn die stärksten Filme des Wettbewerbs kamen alle von diesen mit den Folgen des Kommunismus noch immer kämpfenden Ländern. Mit eindrucksvoll verwackelter Kamera inszeniert Calin Peter Netzer in „Child’s Pose“ die monströse Mutterliebe, mit der die neureiche Cornelia (Luminita Gheorghiu) ihren erwachsenen Sohn erdrückt und wie sie alle Hebel in Bewegung setzt, um ihn nach einem dramatischen Verkehrsunfall vor dem Gefängnis zu bewahren. Dabei ist sie einem keineswegs sympathisch, nein, man findet diese Frau ziemlich furchtbar, aber am Ende packt sie einen dann doch. Parallel dazu durchzieht die Macht der Korruption den gesamten Film. Harter Tobak, nicht der große Knaller, den man vielleicht vermutet, aber immer authentisch. Ähnliches kann man vom zweiten Gewinner des Wettbewerbs (mit 2 Silbernen Bären für den Grossen Preis der Jury und den Preis für den Besten Darsteller für Nazif Muji) sagen: Dem bosnisch-herzegowini- schen Beitrag „An Episode in the Life of an Iron Picker“ von Danis Tanovi. Ein kleiner,  nachdenklich machender Film über die sogenannten Verlierer in Osteruropa. Budget 17.000 Euro. Eigentlich hatte der bereits mit einem Oscar gekürte DanisTanovi einen Dokumentarfilm drehen wollen zu einer Zeitungsnotiz, die er gelesen hatte: Eine bosnische Roma-Frau war beinahe gestorben, weil sie ohne Krankenversicherung eine lebensnotwendige Operation nicht zahlen konnte. Als Tanovi die Familie dann kennenlernte, änderte er seinen Plan und ließ die Familienmitglieder die ganze Geschichte in einem fiktionalen Format selbst spielen. Ein großes Wagnis, das aber gut ausging, weil alle völlig glaubwürdig und unaufgeregt vor der Kamera agieren. Dann der russische Film „A Long and Happy Life" von Boris Khlebnikov, der in nur 77 Minuten viel existenzieller von Landenteignung und Armut erzählt als Gus Van Sants mit großem Aufwand gedrehter und mit Matt Damon und Frances McDormand auch toll besetzter „Promised Land" in 106 Minuten, der auch im Wettbewerb lief.
Solange die Berlinale es schafft, starke europäische oder asiatische Filme als Premieren in ihren Wettbewerb zu bekommen, solange kann sie auch damit leben, dass die spannenden großen US-Produktionen (und Stars) Berlin nur noch als Gäste beehren. Das betraf dieses Jahr z.B. das Feel-Good-Movie „Before Midnight“ von Richard Linklater mit Julie Delpy und Ethan Hawke, immerhin bekam Linklater überraschend die Berlinale Kamera als kleines Dankeschön für seine Treue. Die Berlinale war ja schon immer ein politisches Festival und das ist ein echtes Plus. In diesem Jahr sorgte die Wettbewerbsteilnahme von „Closed Curtain" des im Iran mit Berufsverbot belegten iranischen Regisseurs Jafar Panahifür viel berechtigte Aufmerksamkeit (die iranische Regierung hat sich inzwischen offiziell über die Aufnahme von Panahis Film bei der Berlinale beschwert). Die minimalistische Selbstinszenierung des Regisseurs in einem als goldenen Käfig zu bezeichnenden Ferienhaus, beeindruckte durch sein klares Statement: Ohne Freiheit ist kreatives Arbeiten unmöglich. Die Jury zeichnete Panahis illegal außer Landes geschmuggelten Film mit dem Silbernen Bären für das beste Drehbuch aus.
Der einzige Film, der wegen seiner Leichtigkeit einen gewissen Hype bei Presse und Publikum erlebte, war der chilenische Film „Glorìa“ von Sebastián Lelio, doch hier konnte die entzückende Pauline García immerhin einen Silbernen Bären für die beste Darstellerin in ihrer Rolle der Glorìa bekommen – und die hat sie auch verdient. Ihre Darbietung der an sich tief traurigen Frau von 58 Jahren, die niemals aufgibt, die immer auf der Suche ist nach ihrem place in the sun, die findet, dass das Glück ihr zusteht und dies nicht trotz, sondern wegen all der durchlittenen Schicksalsschläge, das ist wirklich großes Festivalkino. Und dass der Regie-Preis der Berlinale an den US-Independent-Filmemacher David Gordon Green für seine lakonische Komödie „Prince Avalance“ ging, war eine ebenso nachvollziehbare Entscheidung der Jury. Der Film, der ein Remake des isländischen Films „Either Way“ (2011) ist, lebt vom Timing im Spiel seiner Protagonisten Alvin (großartig: Paul Rudd) und Lance (Emile Hirsch). Während man die beiden bei ihrer monotonen Arbeit in einem von Bränden zerstörten, menschenleeren Waldgebiet beobachtet, erlebt man auf heitere, aber immer realitätsnahe Weise, wie die beiden ungleichen Männer langsam zu Freunden werden. Dass nun große Regisseure wie Steven Soderbergh mit seinem wahrscheinlich letzten Film „Side Effects“ (einem unausgegorenen, Star-besetzten Pharmazie-Thriller), Bruno Dumonts mit großer Spannung erwarteter „Camille Claudel 1015“ (mit einer beeindruckenden Juliette Binoche) oder Fredrik Bonds Star-besetztes Debüt "The Necessary Death Of Charly Countryman" sowie die zwei deutschen und asiatischen Beiträge allesamt nicht prämiert wurden, lag ganz einfach daran, dass sie allesamt enttäuschten. Zur Berlinale

Elena Diesbach

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